1.1 Vollständige Wiedergabe der morphologischen Struktur der Wörter im AT

Der Umgang mit dem tib. Text ist derart in Fleisch und Blut übergegangen, daß über die Struktur, die dem tib. Hebräisch zugrunde liegt, fast nicht mehr nachgedacht wird. Dabei haben schon BAUER-LEANDER besonders bei Darstellung der Nominalformen neben der tib. Äußerung deren grammatische Struktur herausgearbeitet. Die Hebraisten müssen den Semitisten und Linguisten in der Wertung der Laute klare Vorgaben liefern, nämlich angeben, auf welcher Ebene sie argumentieren: auf der phonetischen, der phonologischen oder prosodischen oder auf der graphematischen Ebene. So ist etwa abzugrenzen, warum und unter welchen Bedingungen der tib. Vokal Qames als lang aufgefaßt wurde und aufzufassen ist und ob die Aussage phonetisch und prosodisch oder phonologisch gemeint ist. Phonologisch ist es zweimal kurz in /dabar/, einmal kurz, einmal lang in /qarā(ʾ)/. Ob es in tib. <maqtål>1Nicht ohne Bedenken wird hier ein Beispiel aus einer rezenten Arbeit des Akkadisten von SODEN, Bedeutungsgruppen unter den Substantiven nach der Nominalform ma/iqtāl mit Pluralformen nach ma/iqtallim/ot im Althebräischen, ZAH 1 (1988) 103-106, herausgegriffen, das nur zeigen soll, wie wenig klare Vorgaben ihm die Hebraisten geliefert haben. Leider hält die ZAH an der wenig begründeten Umschriftpraxis der Hebraisten fest. kurz oder lang ist, ob also die Nominalform /maqtal/ oder /maqtāl/ vorliegt, ist zunächst offen. Es ist kurz und somit /maqtal/ in /malʾak/, indes fraglich, ob es auch lang für die Nominalform */maqtāl/ steht. Diese semitische Nominalform ist hebr. zu /maqtōl/ geworden2Man kann nicht unmittelbar von tib. <maqtål> aus (auch nicht, wenn man es <maqtāl> schreibt, so die übliche „wissenschaftliche Transkription“) morphologisch (und über Bedeutungsklassen) argumentieren, genau so wenig man im Akk. e-re-šu, er-re-šu und /errēšu/, ma-aš-ka-nu[-um], maš-ka-nu und /maškanū/ vermischt.. Es ist zweifellos möglich, die morphologische Struktur des Hebr. aus dem Tib. abzuleiten. Die Darstellung des Ergebnisses dieser Arbeit erfolgt hier nicht in paradigmatischen Tabellen, sondern im fortlaufenden Text. Wörter, bei denen die phonetisch bedingte morphologische Struktur Eigenheiten tiberischer Auffassungen spiegelt, wie /śaśōn/, cs. /śȧśōn/, < */śāś-ōn/, oder Angleichungen bei Übernahme aus anderen Sprachen, wie /miskin/ < */miskē*n/ < */muškēnu/, sind im Lexikon zu erörtern.

Die morphologische Transkription liefert die Grundlage zu vielerlei Vergleichen und Festlegungen. Von ihr aus gelingt eine morphologisch zuverlässige Deutung der althebr. Inschriften; sie ermöglicht die sprachgeschichtliche Bestimmung etwa des Qumran- und Origenes-Hebr.; sie läßt die Besonderheiten der nicht-tib. Masora erkennen und erarbeitet Voraussetzungen zur Bestimmung der tib. Überlieferungsform in der hebr. Sprachgeschichte und ihrer Position im semitischen Sprachraum.

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Fußnoten   [ + ]

1. Nicht ohne Bedenken wird hier ein Beispiel aus einer rezenten Arbeit des Akkadisten von SODEN, Bedeutungsgruppen unter den Substantiven nach der Nominalform ma/iqtāl mit Pluralformen nach ma/iqtallim/ot im Althebräischen, ZAH 1 (1988) 103-106, herausgegriffen, das nur zeigen soll, wie wenig klare Vorgaben ihm die Hebraisten geliefert haben. Leider hält die ZAH an der wenig begründeten Umschriftpraxis der Hebraisten fest.
2. Man kann nicht unmittelbar von tib. <maqtål> aus (auch nicht, wenn man es <maqtāl> schreibt, so die übliche „wissenschaftliche Transkription“) morphologisch (und über Bedeutungsklassen) argumentieren, genau so wenig man im Akk. e-re-šu, er-re-šu und /errēšu/, ma-aš-ka-nu[-um], maš-ka-nu und /maškanū/ vermischt.